BalkanHistory.deDer letzte Schild Serbiens und das Blut des Amselfelds
Ort: Serbien, Morava Serbien und Amselfeld
Reiche sterben selten an einem einzigen Tag. Sie zerfallen, zersplittern und bluten langsam aus. Als der mächtige serbische Zar Stefan Dušan im Jahr 1355 überraschend starb, hinterließ er ein weitreichendes Reich, das große Teile des Balkans umfasste. Doch ohne seine eiserne Faust zerbrach dieses Reich rasch. In dieses Vakuum aus Chaos, Verrat und dem drohenden Schatten des aufsteigenden Osmanischen Reiches trat ein Mann, den die Geschichte nicht als Kaiser gebar, der aber im Tod zu einer ewigen, fast gottgleichen Figur aufsteigen sollte: Stefan Lazar Hrebeljanović.
Lazar entstammte keinem königlichen Blut. Er war der Sohn eines kleineren Adligen und diente zunächst als Höfling am Hofe der zersplitterten Nemanjić Dynastie. Doch er besaß einen kühlen, strategischen Verstand. Nach der verheerenden Schlacht an der Mariza (1371) erkannte Lazar seine Chance. Er zog sich in die zentralen Gebiete Serbiens zurück und errichtete sein eigenes Reich, das „Morava Serbien". Er heiratete Milica, eine Prinzessin aus einer Nebenlinie der alten Nemanjić Könige ein genialer diplomatischer Schachzug.
Von seiner neuen Hauptstadt Kruševac aus schmiedete Lazar ein Netzwerk aus Allianzen. Er verbündete sich mit dem ehrgeizigen Vuk Branković im Kosovo und dem bosnischen König Tvrtko I. Für ein knappes Jahrzehnt war Lazar der unangefochtene Schild des Balkans. Er schlug die Osmanen 1381 bei Dubočica und fügte ihnen 1386 bei Pločnik eine schmerzhafte Niederlage zu. Doch Lazar wusste, dass dies nur Nadelstiche gegen einen Titanen waren. Der osmanische Sultan Murad I. würde zurückkehren nicht mit einer Vorhut, sondern mit der gesamten Macht Asiens.
Im Frühsommer 1389 war es so weit. Sultan Murad I. marschierte mit einem gigantischen Heer auf den Kosovo, das „Amselfeld". Die Legende erzählt vom Vorabend der Schlacht: Lazar, so die epischen Lieder, beschuldigte seinen tapfersten Ritter, Miloš Obilić, er werde ihn am nächsten Tag an den Sultan verraten. Obilić, tief gekränkt in seiner Ehre, schwor, am morgigen Tag zu beweisen, wer der wahre Verräter sei.
Eine noch gewaltigere Legende berichtet, dass Lazar in dieser Nacht Besuch von einem Falken aus Jerusalem erhielt dem Boten Gottes. Er stellte den Fürsten vor die Wahl: Wollte er das irdische Reich wählen, würde er am nächsten Tag siegen. Wählte er das himmlische Reich, würden er und seine Armee sterben, doch die serbische Seele würde ewig leben. Lazar, so das Epos, wählte das Himmelreich.
Am 15. Juni 1389 prallten die Heere aufeinander. Das Amselfeld bebte unter den Hufen der schweren serbischen Kavallerie. Der Kampf war von unvorstellbarer Brutalität. Mitten im Chaos der Schlacht erfüllte Miloš Obilić seinen Schwur. Er drang unter dem Vorwand, überlaufen zu wollen, bis in das Zelt des Sultans vor und rammte Murad I. einen vergifteten Dolch in den Bauch. Der Sultan fiel. Doch Murads Sohn Bayezid übernahm sofort das Kommando und warf seine letzten, frischen Reserven in die Schlacht. Die serbische Flanke brach unter dem Druck zusammen.
Lazars Pferd wurde getötet, der Fürst stürzte in den Staub des Amselfeldes und wurde gefangen genommen. Noch am selben Tag wurde er vor das Zelt des sterbenden Sultans gezerrt. Er weigerte sich, sich zu unterwerfen. Auf Befehl Bayezids wurde Lazar Hrebeljanović enthauptet. Militärisch endete die Schlacht in einem blutigen Unentschieden beide Heere waren vernichtet, beide Herrscher waren tot. Doch politisch war es das Ende für das unabhängige Serbien. Lazars Witwe Milica musste sich dem Sultan unterwerfen und ihre eigene Tochter Olivera als Friedenspfand in den Harem Bayezids schicken.
Lazar Hrebeljanović verlor an jenem Junitag sein Leben, doch er wurde in der Niederlage unsterblich. Sein Leichnam wurde in das Kloster Ravanica überführt. Die orthodoxe Kirche sprach ihn heilig und erklärte ihn zum „Heiligen Großmärtyrer". Aus seinem Tod auf dem Amselfeld entstand der Kosovo Mythos das tief sitzende psychologische Fundament der serbischen Nation. Lazar wurde zum ewigen Symbol des Opfers für Glauben und Freiheit.
Diese Akte trennt den historischen Fürsten Lazar von der späteren Stilisierung zum ewigen Märtyrer.