BalkanHistory.deDer Liebling des Sultans und der Bruderkrieg der Drachen
Ort: Walachei, Edirne und Osmanisches Reich
Die blutige Legende der Walachei im 15. Jahrhundert wird in der modernen Geschichtsschreibung oft auf das eiskalte Profil eines einzigen Mannes reduziert: Vlad III., den Pfähler. Doch die wahre Tragödie des Hauses Drăculești ist kein einsamer Rachefeldzug, sondern eine zutiefst familiäre Zerrissenheit. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die demselben Samen des Drachen entsprangen und doch zwei völlig entgegengesetzte Wege wählten. Während Vlad sich in die fleischgewordene Rache verwandelte, wählte sein jüngerer Bruder die Verführung, die Anpassung und den Islam. Sein Name war Radu III., doch die Geschichte kennt ihn als Radu cel Frumos Radu den Schönen.
Das Schicksal von Radu wurde im Jahr 1442 besiegelt, als er noch ein kleiner Junge war. Sein Vater, Vlad II. Dracul, musste den ultimativen Preis für seine Krone zahlen: Er ließ seine beiden jüngsten Söhne, Vlad und Radu, als politische Geiseln am Hof der Osmanen zurück. Für die beiden Prinzen war die Festung von Egrigöz und später der Palast in Edirne ein goldener Käfig. Sie wurden in den Künsten des Krieges, der Logik, des Korans und der osmanischen Sprache ausgebildet.
Die ständige Todesangst formte die Brüder auf drastisch unterschiedliche Weise. Der junge Vlad III. entwickelte einen abgrundtiefen Hass auf seine Entführer. Er wurde zynisch, brutal und misstrauisch. Radu hingegen traf eine andere Entscheidung. Er lehnte sich nicht gegen die Ketten auf, sondern lernte, sie zu lieben. Er begriff schnell, dass es in den Schatten des Hofes andere Wege zur Macht gab.
Radu war mit einem außergewöhnlich guten Aussehen gesegnet, das ihm nicht nur seinen historischen Beinamen einbrachte, sondern auch das Auge des zukünftigen Sultans Mehmed II. auf sich zog. Sicher ist: Radu konvertierte zum Islam. Er wurde zum engsten Vertrauten und zum absoluten Favoriten des mächtigsten Mannes der Welt. In den Augen seines Bruders Vlad war dies der ultimative Hochverrat. Radu hatte nicht nur den Feind umarmt er war selbst zu einem Osmanen geworden.
Vlad III., nun Woiwode der Walachei, hatte den Tribut verweigert. Mehmed marschierte mit über 100.000 Mann über die Donau, an seiner Seite Radu der Schöne. Der Sultan hatte einen brillanten psychologischen Plan: Radu sollte als Schachfigur die Walachei kampflos in das osmanische System integrieren. Der Feldzug wurde zu einem Albtraum. Vlad zermürbte die osmanische Armee durch verbrannte Erde, vergiftete Brunnen und die berühmte Nachtattacke auf das Zeltlager des Sultans.
Radu erwies sich als äußerst fähiger Politiker. Er wandte sich mit sanften Worten, Bestechungsgeldern und osmanischen Sicherheitsgarantien an den walachischen Adel. Er versprach Frieden und ein Ende des Terrors unter Vlad. Nach und nach liefen die Truppen und Bojaren von Vlad zu Radu über. Vlad, von seinen eigenen Leuten im Stich gelassen, musste ins ungarische Exil fliehen. Radu der Schöne hatte das Unmögliche geschafft: Er hatte den furchterregendsten Woiwoden Europas ohne eine große Entscheidungsschlacht vom Thron gestoßen.
Im Jahr 1475 starb Radu der Schöne im Alter von nur etwa 36 Jahren. Auf BalkanHistory.de darf Radu nicht nur als der „Verräter" betrachtet werden. Er war ein Überlebenskünstler in einer Welt, die keine Gnade kannte. Die Geschichte der Drăculești ist somit nicht nur das Epos eines Monsters, sondern die tiefgründige Tragödie zweier Brüder. Einer wurde zum blutigen Symbol des Terrors, der andere zum stillen Sieger der Anpassung. Beide standen vor der Wahl, im Dunkeln zu sterben oder selbst zur Dunkelheit zu werden.
Radu der Schöne war nicht nur Verräterfigur, sondern ein Überlebenskünstler in einer Welt ohne Gnade.