BalkanHistory.deDie eiserne Faust des Sultans und die Knabenlese des Balkans
Ort: Osmanisches Reich, Balkan, Anatolien und Istanbul
In der Frühzeit des Osmanischen Reiches verließen sich die Sultane primär auf turkmenische Reiterkrieger, die Akinci und freiwillige Gazis. Diese waren für schnelle Überfälle und Plünderungszüge in Kleinasien und auf dem Balkan hervorragend geeignet, erwiesen sich jedoch bei langwierigen Belagerungen befestigter Städte als unzuverlässig. Sie waren an Loyalitäten zu eigenen Stammesführern gebunden und weigerten sich oft, wochenlang vor Stadtmauern zu lagern. Um dieses militärische Defizit zu beheben und sich von den mächtigen anatolischen Adelsfamilien unabhängiger zu machen, schuf Sultan Murad I. nach einigen Quellen bereits sein Vorgänger Orhan im späten 14. Jahrhundert eine völlig neue Art von Militäreinheit: die Yeni Çeri, wörtlich die Neue Truppe. Aus ihr wurden im europäischen Sprachgebrauch die Janitscharen. Sie bildeten eine stehende, professionell besoldete und uniformierte Elitearmee. Ihre Loyalität galt nicht einem Stamm, sondern der Person des Sultans.
Das Fundament der Janitscharen bildete eines der umstrittensten und wirkungsvollsten Systeme osmanischer Herrschaft: die Devşirme, im Deutschen oft Knabenlese oder Blutzoll genannt. Etwa alle drei bis sieben Jahre zogen osmanische Rekrutierungsbeamte durch christliche Dörfer des Balkans, besonders durch Regionen des heutigen Serbien, Bosnien, Albanien, Bulgarien und Griechenland. Sie wählten gesunde, kräftige und begabte Jungen aus. Für viele Familien war dies ein traumatischer Verlust. Gleichzeitig war die Realität komplexer als reine Opfergeschichte: Da die Devşirme einen sozialen Aufstieg bis in höchste Machtzirkel ermöglichen konnte, versuchten manche Familien, besonders in armen Regionen, ihre Söhne gezielt in dieses System zu bringen. Einige der mächtigsten Großwesire der osmanischen Geschichte, etwa Sokollu Mehmed Pascha, begannen ihren Weg als christliche Jungen vom Balkan.
Die rekrutierten Jungen wurden nach Anatolien oder Edirne gebracht und einer radikalen Transformation unterzogen. Sie traten formell zum Islam über, lernten Osmanisch Türkisch sowie höfische und religiöse Regeln. Häufig arbeiteten sie zunächst bei türkischen Bauernfamilien, bevor ihre weitere Laufbahn entschieden wurde. Die begabtesten kamen in die Palastschule Enderun und konnten als Verwalter, Statthalter oder Wesire Karriere machen. Der Großteil wurde jedoch in das Acemi Ocağı, das Korps der Novizen, überführt. Dort begann eine jahrelange militärische Ausbildung. Das alte Leben sollte ausgelöscht werden: Ihre neue Familie war das Regiment, ihr Dienstherr der Sultan, ihr Beruf der Krieg. Als Kapıkulu, also Sklaven der Hohen Pforte, standen sie in persönlicher Abhängigkeit vom Herrscher. Dieser Status bedeutete keine gewöhnliche Rechtlosigkeit, sondern eine besondere Nähe zur Macht. Sie erhielten Sold, Versorgung, Prestige und Schutz solange ihre Loyalität ungebrochen blieb.
Auf dem Schlachtfeld waren die Janitscharen gefürchtet, weil sie Disziplin, Formationskampf und moderne Feuerwaffen verbanden. Während viele europäische Feudalheere aus adligen Einzelkämpfern, Söldnern und schlecht ausgebildeten Aufgeboten bestanden, konnten die Janitscharen geschlossen marschieren, warten und auf Befehl feuern. Sie gehörten zu den frühen Truppen, die Handfeuerwaffen wie Arkebusen und Musketen in großer Zahl einsetzten. Hinter Gräben, Palisaden oder Wagenstellungen konnten sie angreifende Kavallerie mit koordinierten Salven stoppen. Diese Mischung aus Geduld, Feuerkraft und psychologischem Druck machte sie zu einer der gefährlichsten Infanterien ihrer Zeit. Begleitet wurden sie von der Mehterhane, der osmanischen Militärmusik. Trommeln, Becken und Schalmeien sollten den eigenen Vormarsch rhythmisieren und den Gegner einschüchtern. Der Krieg der Janitscharen war nicht nur körperlich, sondern auch akustisch und mental.
Die Janitscharen waren nicht bloß Soldaten. Das Korps entwickelte eine eigene Identität, die stark mit dem Bektaschi Orden verbunden war. Hacı Bektaş Veli galt als spiritueller Schutzpatron der Truppe. Bektaschi Derwische begleiteten die Janitscharen, beteten für sie und stärkten die Kampfmoral. Besonders auffällig war die Symbolik der Küche. Der Sultan versorgte seine Elite nicht nur mit Sold, sondern auch mit Nahrung. Daraus entstand eine politische und religiös aufgeladene Küchensprache. Der große kupferne Kochkessel, der Kazan, wurde zum Regimentsheiligtum. Ging er verloren, war das eine Schande. Wurde er umgestoßen, bedeutete es Rebellion. Sogar die Rangbezeichnungen spiegelten diese Welt wider. Ein Offizier konnte Çorbacı heißen Suppenmeister. Andere Titel erinnerten an Köche, Wasserträger oder Küchenämter. In den Janitscharen verbanden sich Kaserne, Kloster, Küche und Schlachtfeld zu einer eigenen militärischen Kultur.
Mit ihrer militärischen Unverzichtbarkeit wuchs ihre politische Macht. Schon nach dem Tod Mehmeds II. begannen die Janitscharen, ihre Stellung auszunutzen. Bei Regierungsantritt eines neuen Sultans forderten sie das Cülus bahşişi, ein Antrittsgeld. Wer dieses Geld verweigerte oder Reformen gegen ihren Willen plante, riskierte Aufstand. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden die Janitscharen zu einer innenpolitischen Macht, die Sultane absetzen, Großwesire stürzen und Reformen blockieren konnte. Der Mord an Sultan Osman II. im Jahr 1622 zeigte, wie gefährlich das Korps geworden war. Aus Werkzeugen des Sultans waren Akteure geworden, die selbst über Herrscher entschieden.
Parallel zum politischen Aufstieg verfiel die militärische Schlagkraft. Die eiserne Disziplin der Frühzeit wurde ausgehöhlt. Janitscharen erzwangen das Recht zu heiraten, betrieben Handel und Handwerk und machten aus dem Korps zunehmend eine erbliche Interessengruppe. Die Devşirme wurde im 17. Jahrhundert allmählich eingestellt. Viele trugen den Namen Janitschar nur noch als Privileg. Sie kassierten Sold, verteidigten lokale Interessen, organisierten wirtschaftliche Netzwerke und verweigerten moderne Ausbildung. Während Habsburger und Russen ihre Armeen modernisierten, blockierten die Janitscharen Reformen aus Angst um ihre Sonderrechte. Die einstige Elite wurde zum Symbol für den Stillstand des Reiches.
Im frühen 19. Jahrhundert war das Osmanische Reich militärisch unter Druck, und die Janitscharen galten als größtes Hindernis jeder Modernisierung. Sultan Mahmud II. bereitete deshalb heimlich eine neue, nach europäischem Vorbild ausgebildete Truppe vor. Als die Janitscharen 1826 erneut rebellierten und ihre Kessel umstießen, ließ er die Konfrontation eskalieren. Die Kasernen der Janitscharen am Etmeydanı Platz in Istanbul wurden mit moderner Artillerie beschossen. Tausende starben, Überlebende wurden verfolgt, hingerichtet oder verbannt. Der Bektaschi Orden wurde verboten. Die osmanische Geschichtsschreibung nannte dieses Massaker Vaka i Hayriye das glückliche Ereignis. Damit endete eine Institution, die einst als militärisches Wunderwerk begonnen hatte: aus christlichen Jungen des Balkans geformt, zur gefürchteten Elite des Sultans aufgestiegen und am Ende zur inneren Blockade eines Reiches geworden, das ohne Reformen nicht überleben konnte.
Aus der neuen Truppe des Sultans wurde eine Elite, dann eine Machtgruppe und schließlich ein Hindernis jeder Reform.