BalkanHistory.deEine Legende vom Amselfeld
Ort: Amselfeld, Kosovo Polje und serbische Erinnerungskultur
Die Nacht über dem Amselfeld hatte sich wie ein schweres, erstickendes Leichentuch über die Erde gelegt. Der Lärm des Krieges, das ohrenbetäubende Klirren von Stahl auf Stahl, das Wiehern der sterbenden Pferde und die verzweifelten Rufe der Männer waren endgültig verstummt. Kein Kriegsschrei durchschnitt mehr die tiefschwarze Dunkelheit. Es war der Abend des Vidovdan, des Sankt Veits Tages, an dem Reiche zerbrochen und Legenden in Blut geschrieben worden waren.
Weit entfernt von diesem Ort des Verderbens, geborgen und doch so schutzlos in den dicken, kalten Mauern eines steinernen Hauses, saß eine Mutter. Sie saß reglos am offenen Fenster, den Blick starr in die undurchdringliche Finsternis gerichtet. Sie wartete. In ihr war keine Erwartung auf einen triumphalen Sieg. Sie wartete einzig und allein auf das vertraute Geräusch von Schritten vor der schweren Eichentür. Neun Söhne hatte sie unter Schmerzen geboren. Und nun waren sie alle fort. Sie waren auf das Amselfeld gezogen, Seite an Seite mit ihrem alten Vater Jug Bogdan, um sich der gewaltigen Übermacht der osmanischen Armee entgegenzustellen.
Die Mutter flehte zu Gott. Sie bat nicht um das Leben ihrer Söhne tief in ihrer Seele wusste sie vielleicht schon, dass dieser Preis bereits gezahlt war. Sie bat um das Unmögliche: Sie bat um die Augen eines Falken und die Schwingen eines Schwans, damit sie das Schlachtfeld mit eigenen Augen sehen könne. In dieser Nacht schien es, als würde ihre Seele lautlos über die düsteren Gebirgszüge fliegen. Als sie schließlich über dem Kosovo schwebte, bot sich ihr der Anblick des puren Weltuntergangs.
Im fahlen Licht des Mondes sah sie zerbrochene Banner, herrenlose Pferde und schwarze Raben. Und dort, im Zentrum des Gemetzels, fand sie sie. Zwischen Staub, zerfetzten Rüstungen und stillen Feinden lagen ihre Söhne. Alle neun. Keiner hatte den anderen im Stich gelassen. Der stolze Clan der Jugovići war ausgelöscht. Doch die Mutter weinte nicht. Kein Schluchzen verließ ihre Kehle. Vielleicht war der Schmerz, der in dieser Sekunde auf sie einstürzte, einfach zu massiv, um sich in etwas so Banalem wie Tränen aufzulösen. Ihr Herz verwandelte sich in jener Nacht in kalten, undurchdringlichen Stein.
Als sie ihr steinernes Haus erreichte, brachen die neun jungen Ehefrauen ihrer Söhne in verzweifeltes Wehklagen aus. Doch die Mutter blieb stumm. Sie stand da wie eine Statue aus altem Granit, unerschütterlich, während ihr Inneres längst zu Asche verbrannt war. Ein ganzer Tag verging. Dann verdunkelten zwei große, pechschwarze Raben den Himmel. Sie kamen direkt vom Amselfeld und ließen eine abgetrennte rechte Hand vor die Füße der Mutter fallen. Ein schwerer goldener Ring glänzte im ersten Sonnenlicht. Die Mutter wusste sofort: Es war die Hand von Damjan. Ihrem Jüngsten. „Meine Hand, mein grüner Apfel... Wo wurdest du gepflückt, und wo wurdest du abgerissen? Gepflückt wurdest du an meinem Herzen. Abgerissen wurdest du auf dem Amselfeld."
In diesem einen, unendlich zerbrechlichen Moment war das Amselfeld verschwunden. Es gab keine Geschichte mehr. Es gab nur noch diese kleine, kalte Hand ihres Kindes. Und erst jetzt, da der Stein in ihrer Brust keinen Widerstand mehr leisten konnte, zerbrach ihr Herz. Die Mutter fiel lautlos zu Boden und atmete ihr Leben aus. Wenn man die Geschichte des Balkans begreifen will, reicht es nicht, nur die Schlachten zu zählen. Man muss die Stille der Mutter der Jugovići verstehen. Sie erinnern sich bis heute an den goldenen Ring, an die blutigen Raben und an das steinerne Herz einer Mutter, das für neun Söhne schlug, bis es am Ende für sie brach.
Man muss die Stille der Mutter der Jugovići verstehen.