BalkanHistory.deDer Pakt der Titanen und das Fundament des Widerstands
Ort: Albanien, Kruja, Arianiti Gebiete und Süditalien
Liebe und persönliche Freiheit waren in den Adelsfestungen des Balkans ein seltener Luxus. Für die Töchter der großen Dynastien war die Ehe kein romantisches Versprechen. Sie war die schärfste Waffe im Arsenal der Diplomatie ein in Seide gekleideter Staatsvertrag. Gjon Kastrioti , der weitsichtige Patriarch von Kruja, war ein Meister dieses unbarmherzigen Spiels. Während seine Söhne als Geiseln an den Hof des Sultans geschickt wurden, wurden seine Töchter zu den Architektinnen eines überlebenswichtigen Netzwerks.
Im Süden und Zentrum Albaniens gab es keinen mächtigeren, reicheren oder angeseheneren Clan als das Haus Arianiti. Lange bevor Gjergj Kastrioti (Skanderbeg) in Kruja das Banner der Revolte hisste, hatte das Haus Arianiti Europa bereits bewiesen, dass die Osmanen nicht unbesiegbar waren. Gjergj Arianiti hatte in den 1430er Jahren erfolgreiche Aufstände gegen die Hohe Pforte angeführt und genoss den Respekt der Höfe in Neapel, Venedig und Rom.
Für das aufstrebende Haus Kastrioti war eine Verbindung mit diesen alteingesessenen Fürsten eine strategische Notwendigkeit. Gjon Kastrioti fädelte daher ein diplomatisches Meisterstück ein: Er vermählte seine Tochter Angelina mit dem mächtigen Adligen Vladan Arianiti, dem leiblichen Bruder des großen Fürsten Gjergj Arianiti. Angelina war das lebende, atmende Siegel unter einem Pakt, der besagte: Die Kastrioti und die Arianiti stehen fortan als eine einzige unteilbare Macht zusammen. Als Skanderbeg 1444 die Liga von Lezha ausrief, bildeten die schwer bewaffneten Truppen der Arianiti den massivsten Pfeiler in seinem Heer.
Das Bündnis, das durch Angelina und Vladan begonnen hatte, gipfelte im Jahr 1451 in der berühmten Hochzeit von Skanderbeg mit Donika Arianiti, der Tochter von Gjergj Arianiti und Nichte von Angelinas Ehemann Vladan. Angelina schenkte Vladan einen Sohn: Muzakë Arianiti. Dieser junge Aristokrat wuchs im Bewusstsein auf, das Blut der beiden größten Helden Albaniens in sich zu tragen. Nach dem Tod Skanderbegs im Jahr 1468 begann der langsame Zusammenbruch der freien Gebiete.
Angelinas Sohn Muzakë gehörte zu jenem Teil des Adels, der sich der Fremdherrschaft nicht beugen wollte. Er verließ die brennende Heimat und floh ins Exil nach Süditalien. Dort, im Königreich Neapel, wurde er zu einem der Gründerväter der Arbëresh Kultur. Angelinas Blutlinie schlug so Wurzeln in der süditalienischen Aristokratie, während Albanien in Dunkelheit fiel. Wie bei fast allen Frauen jener Epoche verschweigen die Geschichtsbücher Angelinas eigenes Ende.
In historischen Texten wird Angelina Kastrioti immer wieder fälschlicherweise mit einer der berühmtesten weiblichen Figuren der orthodoxen Geschichte gleichgesetzt: der Heiligen Angelina von Serbien (Angelina Branković). Diese Verwechslung beruht auf genau jenem familiären Geflecht, das Angelina Kastrioti einst mitbegründet hatte. Die „Heilige Angelina" wurde als Angelina Arianiti geboren sie war die leibliche Schwester von Skanderbegs Frau Donika und damit die Nichte von Angelinas Ehemann Vladan. Beide Frauen hießen Angelina und waren mit dem Haus Arianiti verwoben. Angelina Kastrioti ist von der Heiligen Angelina von Serbien strikt zu trennen.
Angelina Kastrioti war das lebende Siegel eines Bündnisses, das den albanischen Widerstand mittrug.